Betreibt Österreich eigene Atomkraftwerke?

Nein. Österreich hat den Ausstieg schon vor dem Einstieg besiegelt, in drei Schritten.

🗳️1978

Volksabstimmung gegen das fertige Kernkraftwerk Zwentendorf, mit 50,47 % Nein denkbar knapp

📜Dez. 1978

Das Atomsperrgesetz tritt in Kraft

🏛️seit 1999

Das atomfreie Österreich steht im Verfassungsrang

Eigenen Atomstrom gibt es hier also nicht. Ganz sauber ist das Bild bei der Herkunft aber nicht: Seit 2015 gilt die volle Stromkennzeichnung, doch physischer Stromfluss und der Handel mit Herkunftsnachweisen laufen in der EU getrennt. So kann rechnerisch ein kleiner Anteil Atomstrom im Mix stecken, ohne dass eine Kilowattstunde davon je die Grenze überquert hätte.

Als Schätzung lesen, nicht als FaktumDie IG Windkraft schätzt den Anteil dieses „versteckten" Atomstroms auf 6 bis 16 %. Die Zahl stammt von einer Interessenvertretung der Windbranche und ist eine Schätzung, kein amtlich erhobener Wert.

Woher kommt Österreichs Strom?

Der österreichische Strommix ist zu knapp 82 % erneuerbar. Die Wasserkraft trägt mit Abstand am meisten, gefolgt von Photovoltaik, Windkraft und Biomasse. Wichtig für alles Weitere: Die Wasserkraft hat 2025 deutlich weniger produziert als 2024, wo ihr Anteil noch bei rund 60 % lag.

💧
51 %

Wasserkraft

☀️
13 %

Photovoltaik

🌬️
12 %

Windkraft

🌱
7 %

Biomasse

Anteile an der Stromerzeugung 2025, gerundet. Quelle: E-Control.

Wie sich dieser Mix zusammensetzt und warum die Erneuerbaren Jahr für Jahr schwanken, liest du im Überblick zu den erneuerbaren Energien in Österreich. Hier geht es um das, was die Hitze mit diesem Mix macht.

Wie stark bremst die Hitze Österreichs Wasserkraft?

Deutlich stärker, als es die öffentliche Erzählung nahelegt. Die vier grössten Donaukraftwerke, Ybbs-Persenbeug, Melk, Altenwörth und Greifenstein, lagen im ersten Halbjahr 2026 rund 30 % unter ihrem langjährigen Durchschnitt.

30 %

weniger Strom aus den vier grössten Donaukraftwerken im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem langjährigen Schnitt. Ybbs-Persenbeug allein kam auf 511 GWh statt der üblichen 756 GWh.

Der Grund liegt im Wasser selbst: Die Donau führt aktuell nur etwa ein Drittel der jahreszeitüblichen Menge. Nach Angaben des Verbund fehlt damit rechnerisch die Tageserzeugung von drei der neun österreichischen Donaukraftwerke. Für eine Turbine zählt nicht, wie warm das Wasser ist, sondern wie viel davon durchläuft, und genau das fehlt in diesem Dürrejahr.

Erzeugungswerte erstes Halbjahr 2026. Quelle: Verbund. Der Wert für das dritte Quartal liegt noch nicht vor, daher keine Hochrechnung aufs Gesamtjahr.

Warum trifft die Hitze die Wasserkraft härter als die Atomkraft?

Der Unterschied ist technisch, nicht politisch, und er liegt nicht in der Höhe des Verlusts, sondern in der Reparierbarkeit. Atomkraft fällt meist punktuell aus und hat Werkzeuge dagegen. Laufwasserkraft fällt strukturell aus und hat keine.

Atomkraft, Normaljahr Atomkraft, Dürre 2026 Laufwasserkraft, Dürre 2026
Limitierender Faktor Wassertemperatur Wassertemperatur und Pegelstand Durchfluss
Typische Ausfalldauer Stunden bis Tage, einzelne Blöcke Tage bis Wochen, teils ganze Anlagen Monate, alle Anlagen am Fluss gleichzeitig
Ausweg vorhanden? ja: Grenzwert-Ausnahme, Nachrüstung der Kühltechnik ja, aber aufwendig: Ausnahmegenehmigungen, Notausbaggerung, Felssprengung an der Donau nein
Belegter Erzeugungsverlust 0,3 % im Jahresmittel seit 2000 (EDF-Angabe, gesamter französischer Kernkraftpark) keine belastbare Gesamtzahl verfügbar, bisher nur Einzelfälle dokumentiert rund 30 % unter dem langjährigen Durchschnitt (H1 2026, vier Donaukraftwerke)

Lesehilfe: Der EDF-Wert in der ersten Spalte ist ein Jahresmittel über 25 Jahre inklusive aller normalen Jahre und bezieht sich auf einen ganzen Kraftwerkspark. Er ist kein Wert für diese Hitzewelle und nicht mit den 30 % der Donaukraftwerke vergleichbar.

Die Asymmetrie steckt in den Zeilen zur Ausfalldauer und zum Ausweg, nicht in der Verlusthöhe. Ein Atomreaktor mit einem Temperaturproblem hat Optionen, bis hin zur Grenzwert-Ausnahme oder zur Nachrüstung der Kühltechnik. Frankreichs EDF investiert dafür 8,7 Mrd. € über 15 Jahre. Und selbst wenn im Extremfall das Kühlwasser knapp wird, lässt sich nachhelfen: Rumänien kann einen Felsen sprengen, damit wieder Wasser zum Reaktor fliesst. Für eine Turbine, durch die zu wenig Wasser läuft, gibt es keine Sprengung und keine Behörde.

Die Hitze trifft ganz Europa, Atom wie Wasser

Dass 2026 kein reines Wasserkraft-Problem ist, zeigt der Blick über die Grenze. Der Durchfluss der Donau an der rumänischen Grenze lag Ende Juli bei etwa 1.700 m³/s statt der üblichen 4.700 m³/s.

Beide Techniken hängen am Wasser: Atomkraftwerke (⚛️) brauchen es zur Kühlung, Laufwasserkraftwerke (💧) für den Antrieb. In diesem Sommer fehlt es beiden gleichzeitig, wie diese vier Beispiele zeigen.

Kraftwerk Typ Status Grund
🇭🇺 Paks, Ungarn ⚛️ Atom Komplett vom Netz Kühleinlauf fiel trocken
🇷🇴 Cernavodă, Rumänien ⚛️ Atom Block 1 abgeschaltet Donau-Niedrigwasser
🇨🇭 Beznau, Schweiz ⚛️ Atom Auf 50 % gedrosselt Aare über 25 °C
🇷🇴 Eisernes Tor 1, Donau 💧 Wasser Nur ein Fünftel Leistung Donau-Niedrigwasser

⚛️ Atomkraft, 💧 Wasserkraft. Bulgariens Wasserkraft lag zusätzlich rund 45 % im Minus. Stand Ende Juli / Anfang August 2026. Quellen: Betreiberangaben, ORF, serbische Energiemarktagentur. Für Beznau ist eine Drosselung belegt, keine vollständige Abschaltung.

Von der Menge zur Uhrzeit: wo Österreichs Stärke liegt

Bisher ging es um die Menge, und die ist in diesem Dürrejahr gesunken. Der Wert von Strom entscheidet sich aber immer stärker an der Uhrzeit. Und genau dort liegt Österreichs eigentliche Stärke: nicht in mehr Kilowattstunden, sondern darin, im richtigen Moment liefern zu können.

Die Preisspitzen der Hitzewelle entstehen nämlich nicht mittags, sondern abends. Am 23. Juni 2026 kletterten die abendlichen Viertelstundenpreise an der Börse in mehreren Ländern weit über 700 €/MWh.

🇧🇪 Belgien1.038
🇳🇱 Niederlande902
🇩🇰 Dänemark787
🇩🇪 Deutschland747

Höchste Viertelstundenpreise am 23. Juni 2026, Grosshandel an der Börse, gerundet in €/MWh.

Der Mechanismus dahinter hat mit der Uhrzeit zu tun, nicht mit der Menge. Am Tag liefert die Sonne viel Strom und drückt den Preis. Am Abend ist sie weg, der Kühlbedarf bleibt, und der Preis schnellt nach oben.

☀️ Mittag, 12 bis 16 Uhr

Solarstromviel
Kühlbedarfhoch
Strompreisniedrig, teils negativ

🌙 Abend, 19 bis 23 Uhr

Solarstromkeiner
Kühlbedarfbleibt hoch
StrompreisSpitze

Bei grosser Hitze liefern die Solarmodule mittags sogar etwas weniger, weil sie sich stark aufheizen, rund 10 bis 16 % Leistungsverlust. Am Grundmuster ändert das nichts.

Schema eines alpinen Pumpspeicherkraftwerks mit oberem Speichersee, Druckrohr, Turbinenhaus und unterem Becken

Ein Pumpspeicher wirkt wie eine Batterie: mittags mit billigem Strom hochpumpen, abends durch die Turbinen zurücklaufen lassen.

Was in diesen vier Abendstunden fehlt, ist nicht Energie, sondern abrufbare Leistung. Und die hat Österreich, in Form von Pumpspeicherkraftwerken. Deren Prinzip ist einfach: Bei billigem Überschussstrom am Mittag pumpen sie Wasser in den höher gelegenen Speichersee, am teuren Abend lassen sie es durch die Turbinen zurücklaufen und erzeugen genau dann Strom, wenn er am meisten wert ist.

Allein der Verbund verfügt über rund 2.600 MW Turbinen- und 2.300 MW Pumpleistung, dazu kam 2025 das Kraftwerk Limberg III mit 480 MW. Der Betriebsführer der Austrian Power Grid hat es in der Juni-Welle offen gesagt: Diese Pumpspeicher füllen die Abendlücke gerade nicht nur für Österreich, sondern für etliche Länder in Europa. Wie sich die Preise dabei zwischen den Ländern bewegen, zeigt der Strompreis in Europa.

Für dich als Haushalt heisst das konkret: Der Wert einer Kilowattstunde hängt diesen Sommer stärker als sonst davon ab, wann du sie brauchst. Hast du einen dynamischen Tarif und kannst flexibel sein, zahlt sich das Meiden der Abendstunden jetzt besonders aus. Kannst du deine Last zwischen 19 und 23 Uhr nicht verschieben, etwa weil dann die Klimaanlage läuft, ist ein Fixtarif gerade die ruhigere Wahl. Wie du eine Wohnung ohne Klimaanlage kühlst und so die teure Abendlast senkst, haben wir separat zusammengetragen.

Der ehrliche Haken: zwei Grenzen der Flexibilität

So stark der Vorteil der Pumpspeicher ist, unbegrenzt ist er nicht, und er verteilt sich ungleich.

  • Die Batterie muss geladen werden. Verbund-Sprecher Seidl weist darauf hin, dass jetzt eigentlich das Wasser aus der Schneeschmelze abgearbeitet werden sollte, aber es fällt immer weniger Schnee. Ein Speichersee ohne Zulauf ist eine Batterie, die niemand mehr auflädt. Die E-Control rechnet bis 2040 mit einem Bedarf von rund 18 GW Speicherkapazität, etwa dem Dreifachen von heute
  • Die Interessen decken sich nicht. Eine teure Abendspitze ist für Erzeuger wie Verbund oder EVN eine gute Nachricht und für Haushalte eine schlechte. Kund:innen mit dynamischem Tarif zahlen die Abendspitze direkt, alle anderen zeitverzögert über die Beschaffungskosten ihres Anbieters. Der Wechsel von der Menge zur Uhrzeit ist damit vor allem eine gute Nachricht für die Erzeugerseite

Fixtarif oder dynamisch, was passt zu dir?

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