Wer gilt als industrieller oder gewerblicher Stromkunde?
Die Grenze zwischen Privatkunden-Tarif und individuell verhandeltem B2B-Vertrag liegt in Österreich bei einem Jahresverbrauch von 100.000 kWh oder einer Anschlussleistung über 50 kW. Wer darüber liegt, wird per RLM abgerechnet — registrierende Leistungsmessung im Viertelstunden-Takt. Wer darunter bleibt, läuft über ein SLP (Standardlastprofil) und bekommt Tarife, die strukturell wie Haushaltstarife aussehen.
In unseren Beratungen sehen wir oft, dass kleinere Produktionsbetriebe knapp über der Schwelle liegen, aber weiter mit SLP-Logik einkaufen — und damit Leistungsspitzen mitbezahlen, die ein RLM-Tarif separat ausweisen würde. Das ist der erste, oft übersehene Hebel: weißt du, mit welchem Profil du tatsächlich abgerechnet wirst?
SLP vs. RLM — der Unterschied in einer Tabelle
| Kriterium | SLP (Standardlastprofil) | RLM (Leistungsmessung) |
|---|---|---|
| Verbrauchsgrenze | bis 100.000 kWh / Jahr | über 100.000 kWh / Jahr |
| Messung | Jahresverbrauch, hochgerechnet auf typisches Profil | Viertelstunden-Werte direkt vom Zähler |
| Preisbildung | Arbeitspreis + ev. Grundgebühr | Arbeitspreis + Leistungspreis (€/kW) + Blindarbeit |
| Vertragsstruktur | Standardprodukte, oft online abschließbar | individuelle Verhandlung mit dem Lieferanten |
| Wechselprozess | 2 Wochen Kündigungsfrist (ElWOG 2022) | Vertragsabhängig, oft Jahresscheiben |
Welche Netzebene betrifft dein Unternehmen?
Die Netzebene bestimmt, welche Netznutzungsentgelte auf deiner Rechnung landen — und die machen bei vielen Gewerbe- und Industriekunden den größten regulierten Block aus. Höhere Netzebene bedeutet niedrigere Netzentgelte pro kWh, dafür höhere Anschlusskosten.
- NE 7 (Niederspannung) — kleines Gewerbe, Einzelhandel, Büro
- NE 6 / 5 (Trafo bzw. Mittelspannung) — Mittelstand, größere Gewerbeobjekte
- NE 4 / 3 (Trafo bzw. Hochspannung) — klassische Industrie
- NE 1 / 2 (Höchstspannung) — Großindustrie mit eigener Trafostation
Die genauen Tarifsätze legt der jeweilige Verteilernetzbetreiber fest und veröffentlicht sie jährlich. Auf der Rechnung steht die Netzebene direkt drauf — wenn nicht, fragst du beim Netzbetreiber nach.
So setzt sich der Industrie-Strompreis zusammen
Auf der Rechnung eines Industrie- oder Gewerbekunden tauchen die gleichen drei Blöcke auf wie bei Haushalten — nur in deutlich anderen Größenordnungen und mit anderer Verhandlungsmacht.
Block 1
Energiepreis
Frei mit dem Lieferanten verhandelt. Der einzige Hebel, an dem du direkt schrauben kannst — und der einzige, der zwischen zwei Angeboten wirklich vergleichbar ist.
Block 2
Netznutzungsentgelt
Reguliert über die E-Control, abhängig von Netzebene und Bundesland. Nicht verhandelbar, aber je nach Standort und Netzebene mit großen Unterschieden.
Block 3
Steuern & Abgaben
Elektrizitätsabgabe, KWK- und Ökostrompauschale, USt. Reguliert, aber für Produktionsbetriebe teils über die EAV rückerstattbar — siehe Abschnitt unten.
Konkrete Cent-pro-kWh-Bandbreiten machen wir auf dieser Seite bewusst nicht auf: Industriestrompreise schwanken nach Jahresverbrauch, Lastgang, Vertragslaufzeit und Marktphase teils um den Faktor zwei zwischen zwei vergleichbaren Betrieben. Die aktuellen Marktrahmen veröffentlicht die E-Control im jährlichen Monitoring-Report; die Entwicklung der letzten Jahre findest du auf unserer Seite zur Strompreisentwicklung.
Was Berater:innen häufig in Erinnerung rufen: Eine Strompreis-Verhandlung ist nicht nur ein Cent-pro-kWh-Spiel. Leistungspreis (€/kW), Blindarbeitsabrechnung und vor allem die Indexierungsklausel (an welchen Marktindex koppelt der Vertrag, ab wann darf der Lieferant anpassen?) entscheiden über die Rechnung im zweiten und dritten Jahr eines Vertrags. Wer nur den Arbeitspreis vergleicht, vergleicht das falsche Drittel.
Gewerbestrom richtig einkaufen — wir sortieren das Gespräch vor
Für SLP-Gewerbe und kleinere RLM-Kunden vergleichen wir direkt am Telefon. Für größere Industriekunden mit individuellem Lastgang, Tranchenkauf oder PPA-Option leiten wir dich an unsere Kolleg:innen von Selectra Business weiter — statt dich an einen unpassenden Tarif zu verkaufen.
- Kostenlose Erstberatung
- Marktüberblick statt Einzelangebot
- Unverbindlich
Wie Industriebetriebe Strom tatsächlich einkaufen
Für RLM-Kunden ist die Standard-Frage "welcher Tarif?" die falsche Frage. Der eigentliche Hebel ist das Beschaffungsmodell — wie und wann du den Energiepreis fixierst. Vier Werkzeuge sind heute Standard, mit klar unterschiedlichen Risikoprofilen.
Festpreis-Kontrakt
Der gesamte Jahresbedarf wird zu einem Stichtag zu einem fixen Preis eingekauft. Vorteil: volle Budgetsicherheit. Nachteil: das Stichtags-Risiko — wenn du zufällig im Hoch kaufst, zahlst du ein Jahr lang zu viel. Sinnvoll für kleine Volumina oder wenn das Risiko-Management klar Sicherheit vor Preis priorisiert.
Tranchenkauf
Der Jahresbedarf wird in mehreren Schritten über das Jahr verteilt eingekauft — typisch vier bis acht Tranchen. Du glättest das Stichtags-Risiko, ohne in volle Marktpreis-Indexierung zu gehen. Aus unserer Beratungs-Erfahrung das pragmatischste Modell für Mittelstand-Industrie: weniger Komplexität als ein PPA, deutlich mehr Kontrolle als ein einmaliger Festpreis.
Indexierter Vertrag
Der Energiepreis koppelt sich monatlich oder quartalsweise an einen Marktindex (z.B. EEX, EPEX). Du folgst dem Markt nach unten — und nach oben. Sinnvoll, wenn dein Produkt selbst stark mit dem Energiemarkt korreliert und du das Auf und Ab über den Verkaufspreis weitergeben kannst. Sonst ein Risiko, das oft unterschätzt wird.
Power Purchase Agreement (PPA)
Ein langfristiger Direktvertrag mit einem Erzeuger — meistens Wind, PV oder Wasserkraft, typische Laufzeit 5 bis 15 Jahre. Du bekommst Planungssicherheit und (bei einem grünen PPA) einen sauberen Herkunftsnachweis. Sinnvoll wird das Modell ab einem Jahresverbrauch von etwa 1 GWh aufwärts. Zwei Punkte, an denen PPAs in der Praxis schiefgehen:
- Profilrisiko — eine Wind- oder PV-Anlage erzeugt nicht synchron zu deinem Verbrauch. Wer trägt die Differenz?
- Indexierungsklausel im Worst Case — wenn der Markt deutlich nach unten geht, hast du dich potenziell zu einem hohen Preis 10 Jahre lang gebunden.
Wer ernsthaft über ein PPA nachdenkt, lässt die Vertragsentwürfe von einer spezialisierten Energiekanzlei oder dem eigenen Risiko-Management gegenrechnen — nicht vom Lieferanten allein.
Energieabgabenvergütung — wer was zurückbekommt
Die Energieabgabenvergütung (EAV) ist eine der wichtigsten und am häufigsten übersehenen Stellschrauben für produzierende Unternehmen in Österreich. Seit der Reform 2011 steht sie nur noch Produktionsbetrieben offen — Dienstleister, Handel, Banken und ähnliche Branchen sind ausgeschlossen.
Wie funktioniert die EAV?
Du bekommst die gezahlten Energieabgaben (Elektrizitätsabgabe, Erdgasabgabe, Kohleabgabe, Mineralölsteuer für Heizöl) rückerstattet, soweit sie einen bestimmten Anteil deines Nettoproduktionswerts überschreiten. Vereinfacht: Wer energieintensiv produziert, zahlt nur einen relativen Anteil seiner Wertschöpfung an Energiesteuer.
Antrag und Frist
Der Antrag läuft über das Formular ENAV 1 beim zuständigen Finanzamt, einzureichen spätestens 5 Jahre rückwirkend nach Ablauf des Kalenderjahres. Wer in den letzten Jahren als Produktionsbetrieb nicht eingereicht hat, sollte das jetzt prüfen — vier oder fünf Jahre nachgeholte Rückerstattung sind in der Industrie schnell ein fünfstelliger Betrag.
Weitere relevante Förderschienen
- Umweltförderung im Inland (UFI) — Investitionszuschüsse für Energieeffizienz, Wärmerückgewinnung, Prozessoptimierung
- klimaaktiv-Initiative — Förderprogramme des Klimaschutzministeriums für energieeffiziente Anlagen
- Investitionsprämie / Investitionsfreibetrag — steuerliche Begünstigungen für ökologische Investitionen
- Strompreiskompensation — für besonders energieintensive Industrien im EU-ETS-Bereich (z.B. Stahl, Aluminium, Chemie)